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Kommentartagebuch (I)

Ich habe mir überlegt, daß es eigentlich keine schlechte Idee ist, einige der längeren und besseren Kommentare, die ich auf anderen Webseiten und blogs (außer bei afoe natürlich) hinterlassen habe, auch in meinem proto-Tagebuch zu speichern, denn sie sind schließlich auch ein nicht unbedeutender Teil meines web-logs. Heute also Teil I des Kommentar-Tagebuchs – ein Kommentar zum Beitrag „Unser aller Feind: Gender Mainstreaming“ von Rochus Wolff, veröffentlicht im genderblog am 16. Januar 2007. Im Ursprungsbeitrag geht es um die mediale Aufarbeitung des Themas Gender Mainstreaming.

Et voilà – mein Kommentar –

Ich hatte den Artikel in der taz noch nicht gelesen, finde nicht, daß er den kritischen Artikeln völlig widerspricht, er ist allerdings auch im Widerspruch eine Spur nuancierter.

Zum einen: kein Mensch weiß, was Gender Mainstreaming (gm) eigentlich genau sein soll – vielleicht mal abgesehen von einem öffentlich finanzierten Markt für “gender mainstreaming” Experten. So schwachsinnig manche gm Vorschläge auch sein mögen – ich war mal auf einer zertifizierten “gm-geschlechtsneutralen” Toilette die aussah wie ein Klo eben (und ich habe mich auch nicht gesetzt!) – die wirtschaftliche Ausbeutung von problematischen staatlichen Anreizen ist sicher nicht auf das Konzept beschränkt. Wenn genug Geld dafür ausgegeben wird, wird vielleicht auch ATKearney gm Consulting anbieten. Allerdings muß man dann wie bei allen Dienstleistungen von sog. change agents darauf hinweisen, daß die Erbringung alleine keine Bestätigung ihrer Sinnhaftigkeit ist.

Die Tatsache, daß eben nicht so wirklich klar ist, was gm eigentlich ist, daß es sich wie so manch anderes problematisches Beratungsprodukt hinter einem Anglizismus versteckt, von dem selbst das Expertinnennetzwerk erklärt, man könne ihn nicht übersetzen, ist bei der Beantwortung der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Maßnahme auch nicht sehr hilfreich.

Zum anderen: Zu behaupten, daß â€œder neue Mensch” nicht ziel einer zumindest bedeutenden Gruppe von akademischen Feministen und Genderforschern ist, scheint mir eine so nicht ganz zutreffende Darstellung zu sein. Dissens besteht sicher in der Frage – aber wie ein aktuelles Gender Theory “Textbook” darlegt, das die inhaltliche Basis für undergraduate und graduate Seminare an amerikanischen Universitäten belegt, ist das keine wirkliche Mindermeinung.

Ich zitiere hier die Schlußfolgerung am Ende von Sally Haslanger (eine Professorin für feministische Philopsohie am MIT) am Ende ihres Artikels “Gender and Social Construction: Who? What? When? Where? How?” [(Haslanger, Sally (2006), “Gender and Social Construction: Who? What? When? Where? How?” in Haslanger, S., Hackett, E. (eds), “Theorizing Feminisms”, Oxford University Press 2006, S. 16-23)]

“One feminist hope is, that we can become, through the construction of new and different practices, no longer men and women, but new sorts of beings.”

Da, wo gm an die praktische politische und administrative Umsetzung eines solchen Ansatzes geht, ist es dann eben möglicherweise nicht nur die von Heide Oestreich begrüßte “Erweiterung – wohlgemerkt: nicht eine Zerstörung – der Geschlechterrollen”. Am Rande, wenn, wie an gleicher Stelle bemerkt, die “klassische Gleichstellungspolitik” der letzten Jahrzehnte nichts anderes war als nicht als solches bezeichnetes gm, dann ist die Bürokratiekritik der angesprochenen Artikel wohl doch zutreffender als man vermuten könnte.

Ich denke, daß Frau Oestreich mit ihrer Vermutung, daß heute beide Geschlechter mit “herkömmlichen Geschlechterrollen” (sie nennt es patriarchale Arbeitsteilung) nicht mehr glücklich sind, durchaus richtig liegt (wenn vielleicht auch nicht aus den gleichen Gründen). Daher (und auch wegen der demogrpahischen Hysterie) wird das Thema im Moment ja wieder bedeutender:

Wir (Menschen) werden uns zunehmend der Inkongruenz unserer sozialen und biologischen Imperative bewußt – vor allem im Paarungsbereich. Die nahezu völlige Dekonstruktion (sicher nicht nur durch den Feminismus und die durch ihn – als zum Teil unbeabsichtigte Konsequenz “befreite” weibliche Sexualität) sozialer Mediation in dem Bereich menschlicher Existenz, in dem “der kleine Unterschied” eben der entscheidende ist, uns auf uns selbst zurückwirft, mit wenig in der Hand außer ein paar verkümmerten Instinkten, wie auch dieses kürzliche erschienene mit “Die Geschlechter gleichen sich an” betitelte Interview der Weltwoche mit dem Hirnforscher Lutz Jänke nahelegt. Aber: bei aller zerebralen Plastizität wird auch hier deutlich, wie problematisch es ist, eine Theorie über eine geschlechtliche geprägte Realität mit der Nebenbedingung der Quasi-Bedeutungslosigkeit von Sex zu formulieren –

Sind [die] unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien heute noch relevant?
Absolut. Das zeigen ja alle Daten: Frauen wählen Männer auch heute noch vorwiegend nach ihrem Status, darum sind die Männer auch im Schnitt fünf Jahre älter als ihre Frauen und haben ein grösseres Einkommen. Die Asymmetrie ist hier gewaltig. Die Verhaltensunterschiede sehen Sie besonders gut in der Pubertät, wo Buben prahlen und um Gruppenränge kämpfen, während Mädchen eher die Rolle der interessierten Beobachterin einnehmen. Um am Schluss jenen herauszugreifen, der eine möglichst hohe Position hat.

Die unterschiedlichen Anreize und Knappheitsverhältnisse in der Reproduktionsfrage sind die Grundlage auf der sich die konkreten sozialen Ausprägungen unter den Nebenbedingungen der Ökonomie und der Kultur bilden.

Wenn Frauen (als solche), die ja bekanntlich im Besitz der wertvolleren reproduktiven Eigenschaften sind, Männern (als solchen) dauerhaft durch ihre Partnerwahlstrategie glaubhaft machten, daß sie nicht wirklich an der Eroberung von Imperien (oder BMWs) interessiert sind (vielleicht auch, weil sie das selbst übernehmen wollen ;)) und statt dessen lieber pflegende Männer bevorzugen, dann würde es vermutlich nicht lange dauern, bis Krankenbruder oder Hausmann der männliche Traumberuf schlechthin wäre.

Das humanistische Ideal der Gleichheit von Mann und Frau wird daher immer von der weniger Effektiven Seite her angegangen werden (müssen) und dabei auch noch stark von der (angenommen exogenen) Ökonomie beeinflußt.

Daß der Einfluß noch so effektiver soziologischer Maßnahmen der kulturellen (sprich: konstruierten) auf derartig übergeordnete Konstanten der menschlichen Existenz trotz hohen Anspruchs regelmäßig bescheiden bleibt (wie ja auch implizit im Angebot des Expertinnennetzwerks durch die aus Sicht jedes Medienökonomen amüsanten ökonomische Begründung der Notwendigkeit von gm für den Spiegel verdeutlicht wird – “Ohne eine konsequente Umsetzung von Gender Mainstreaming als Organisationsentwicklungsstrategie wird der SPIEGEL in Zukunft kaum eine kritische Masse an Leserinnen an sich binden können.”), hat das letzte Jahrhundert aus meiner Sicht überdeutlich gemacht, wie ich auf battleofthesexes.de im gleichen Zusammenhang vor zwei Wochen geschrieben habe:

“Das zwanzigste war das Jahrhundert der soziologischen Anmaßung und nicht weniger aus ihr resultierender allzu oft im tödlichen oder zumindest moralischen Desaster endender Ismen. Daß ebenfalls nicht wenige – und nicht ausschließlich sozial konservative – Menschen sich nicht davon abbringen lassen undifferenziert auch “den Feminismus” in die Reihe eher schädlicher gesellschaftlicher Feldversuche einzureihen, liegt wohl vor allem daran, daß ein nicht unbedeutender Teil sowohl der feministischen Theorie als auch ihre “Praxis” sich zu weigern scheinen, die Welt nicht nur in von der vermeintlichen Antwort ausgehende Interpretationsschemata zu pressen (Simone de Beauvoir – “Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird [zu einer gemacht].”), sondern sich der Realität in all ihren – auch biologisch disponierten (wohgemerkt: nicht determinierten) – Facetten zu stellen.

Heide Oestreich hat durchaus Recht, wenn sie die Einschätzung der Kritiker von gm beschreibt als: “Einerseits will das bürokratische Monster den Mann verändern/kastrieren, andererseits hat das Monster dann doch eher lächerliche Vorschläge im Köcher.”

Ob sich hinter dem Widerstand gegen überzogene Hoffnungen kultureller Gestaltbarkeit nun, wie sie vermutet, Kastrationsangst verbirgt, oder die Befürchtung gutgemeinter staatlich sanktionierter (reverser) Diskriminierung, sei mal dahin gestellt.

Auf jeden Fall ist der Widerstand ein Zeichen dafür, daß es vielen
offensichtlich nicht mehr als ausreichend erscheint, aktive Gleichstellungspolitik zu beschweigen oder zu belächeln. Eine Auseinandersetzung, von der hoffentlich alle profitieren, ist notwendig. Das alleine sollte aus Sicht der Befürworter als Erfolg gefeiert werden.

Alles andere wird man sehen – vermutlich schon bald, wenn Männer in den betroffenen Organisationen die von Frauen geschaffenen Institutionen nutzen werden, wenn es um die geschlechtlich bedingte Notwendigkeit des Vorhandenseins des “Playboy” und des “Kicker” auf der Herrentoilette geht…

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