Für einen deutschen Blogger, der bisher ausschließlich auf Englisch geschrieben hat – bei www.fistfulofeuros.net sowie auf www.almostadiary.de – erscheint es vielleicht noch vermessener als für andere, sogar in der Adresse der Seite zu behaupten: Ich bin (auch) Deutschland.de! (beide URLs führen hier her).

Sicher, der vermeintliche Anspruch „Ich bin Deutschland!“ (selbst ohne Ausrufezeichen und ohne direkt ableitbare Vermögensansprüche) ist ebenso problematisch wie der Versuch, anderen einfach so das Deutschlandsein in die Schuhe zu schieben, wie es die heute nun beginnende Kampagne – verspätet durch den Versuch, das Land mittels einer vorgezogenen Neuwahl des Bundestages politisch handlungsfähiger zu machen – versuchen wird.

Aber so manches Mal – vor allem aus der räumlichen Distanz – habe ich an mir die nicht selten widersprüchlichen Züge meines Heimatlandes entdeckt: in Momenten selbstreferentieller manisch-depressiver Selbstverliebtheit, und der damit einhergehenden Tendenz, Dinge tragisch zu überhöhen; im geradezu faustischen Bemühen um abstrakte, nicht nur gelebte Wahrheit und die Begründung von Ewigkeit im Glücksmoment; in Momenten freiwillig eingeschränkten Potentialwachstums und institutionalisierter Reformunwilligkeit. Aber auch im strebenden Bemühen, den Schritt von der Erkenntnis zur Selbsterkenntnis – und vielleicht auch mal zur Besserung – zu vollziehen. Und ich bin mir sicher, ich bin nicht der einzige, dem es so geht. Auch wenn mich der Gedanke an Deutschland noch nie um den Schlaf gebracht hat: wir sind eben doch alle auch ein bißchen Deutschland und damit letztlich eben auch ein bißchen mitverantwortlich.

Keine drei Tage alt war der Slogan der „Mutmacher“-Kampagne und schon hatte er gehörig Staub aufgewirbelt. Kein Wunder, denn das vermeintlich befreiende „Du bist Deutschland“ und der typisch deutsche Ansatz der Kampagne, Selbstvertrauen per korporatistisch-hierarchischer Verordnung zu schaffen, widersprechen sich auf intuitiver und intellektueller Ebene – was zwangsläufig zu einem enormen Glaubwürdigkeitsdefizit führen muß, das darüber hinaus von der zunehmend begrenzten „patriotischen“ Glaubwürdigkeit der die Aktion tragenden Organisationen noch verstärkt wird. In diesem Gegensatz wird zwar das gegenwärtige deutsche Grundproblem der Inkongruenz gesellschaftlicher und ökonomischer Exekutions- und Koordinationsfunktionen deutlich, aber um Ironie auf dieser Ebene dürfte es den Machern wohl nicht gegangen sein.

Leider scheint mir auch die Initialreaktion der kritischen Öffentlichkeit (hier in Form des digitalen Dorfplatzes, der deutschen Blogosphäre) geeignet, diese Dichotomie zu verstärken, anstatt den Anachronismus der Exekution zu beklagen. „Ihr, nicht ich!“ schallte es den Hamburger Agenturen und ihren Auftraggebern von der Spree entgegen – und ein Logo hatte „Nicht-Deutschland“ auch gleich.

Auch wenn die Diskussion weitergehen muß – ab heute wieder im Netz und nun natürlich auch auf Papier – die beste Zusammenfassung des Debattenstandes nach Ankündigung der Kampagne habe ich bei „Franticworld“ gefunden – Du bist Deutschland

„[p]asst unter ein Bild von einer Gesprächsrunde bei Christiansen genauso wie unter ein Bild eines sonntagabendlichen Christiansen-Guckers. Unter das Bild einer Menschenschlange vor einer öffentlichen Suppenküche oder dem Arbeitsamt. Unter das Bild eines Rückspiegels, in dem ein hektisch die Lichthupe betätigender Oberklassekarossefahrer auftaucht. Unter das Bild von einem Gartenzwerg. Unter ein Bild vom Papst. Unter das eines Akkordeonspielers.“

Genau. Unter Deins und unter meins. Und ein paar davon, zur Zeit 13.790 mit „Deutschland“ und 108. 458 mit „Germany“ verschlagwortete, kann man schon mal bei flickr.com bewundern.

Auch wenn damit vielleicht schon alles gesagt ist, werde ich die Kampagne und die Diskussion in den nächsten Monaten auf dieser Seite verfolgen, und damit vielleicht auch zur ein oder anderen Einsicht über das gelangen, wer oder was Deutschland zur Zeit wirklich ist.