Viel böses Blut floß aufgrund von Alice Schwarzers Entscheidung, für die Bild-Zeitung Werbung zu machen – mit dem Slogan „Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.“ Nachdem Alice Schwarzer ja ohnehin glaubt, „Die Antwort“ zu kennen, war es für den Springer Verlag sicher ein Leichtes, ihr mit dem Slogan so sehr zu schmeicheln, daß ihr schwarz vor Augen wurde.

Daß jemand, der unerschütterlich glaubt, die Wahrheit zu kennen, lieber verkündet denn diskutiert, ist zwar theoretisch durchaus einleuchtend, aber praktisch mitunter eher verstörend – wie Stefan Niggemeier angesichts des von kritischen Kommentaren gereinigten Gästebuches auf Alice Schwarzers Webseite erfahren mußte. Neu ist daran allerdings gar nichts. Nutzte sie Diskussion und Provokation vor langer Zeit gerne und so oft wie möglich, scheint Alice Schwarzers Unwille sich auf kritische Diskussionen einzulassen in dem Maße zugenommen zu haben, in dem eine Vielzahl ihrer Ansichten zur bundesrepublikanischen Mehrheitsposition wurden.

Zum Geburtstag von Alice Schwarzers Zeitschrift „Emma“ habe ich Anfang des Jahres einen bis dahin unveröffentlichten Bericht über meine Begegnung mit der Frontfrau des deutschen Feminismus veröffentlicht. Es ist ein Bericht über eine Begegnung, die mir schon vor einiger Zeit – Anfang 2004 – klar machte, was Stefan Niggemeier offenbar erst angesichts der Reinigung der Schwarzerschen Webseite aufgefallen ist: Alice Schwarzer diskutiert nicht gerne!

Aber fangen wir am Anfang an…

Die von einer Künstlergruppe iranischer Exilantinnen organisierte Diskussion im Mainzer Landesmuseum stand unter dem Titel „Kopftuch als System – machen Haare verrückt“. Dank der Zusage von Alice Schwarzer zog die kaum beworbene Veranstaltung ein überaus buntes bundesdeutsches Publikum an, bestehend aus mehr oder weniger aggressiven iranischen Exilanten, fanatischen und weniger fanatischen Trägerinnen verschiedenster Kopftuchvarianten, jeder Menge „geifernder Emmas“ (herzerwärmend, an mich gerichtet: „Was machen Sie eigentlich als einzelner Mann hier?“, „Für Männer gibt’s hier nichts!“), konservativen und konservativeren Leitkulturpropagandisten auf Koalitionssuche, einigen liberalen Bildungsbürgern, und einer Handvoll Journalisten und Kriegsberichterstattern wie mir.

Aber meine Motivation war nicht nur einen guten Kampf zu sehen: Ich wollte mir ein persönliches Urteil darüber bilden, ob sich bei Deutschlands bekanntester Feministin, einer Heldin meiner Mutter, ein ihren oft so moderaten Fernsehauftritten entsprechender Erkenntnisfortschritt eingestellt hat, oder ob ihre Auffassungen zum Thema individuelle Rechte und freier Wille in den siebziger Jahren einzementiert wurden, wie einige ihrer sonstigen, zumeist schriftlichen (und damit weniger stark rezipierten) Äußerungen andeuten. Kurz, ob sie sich immer noch solcher Argumente bedient, die denen so mancher traditionsbesorgten wie machtversessenen Hierarchie in Arabien erstaunlich nahe kommen.

Der Diskussion selbst ging das gemeinsame Anschauen zweier Dokumentarfilme voraus – zum einen einer wirklich schauerlichen kurzen Dokumentation über die Rechtlosigkeit und Ausbeutung iranischer Prostituierter, und zum anderen ein im letzten Jahr im Rahmen eines Seminars an einer Berliner Hochschule entstandener Film über das Schicksal einiger der anwesenden Exil-Iranerinnen.

Die Tatsache, daß diese Filme im Vorfeld einer Diskussion über „das Kopftuch“ gezeigt wurden, illustriert des Grundproblems feministischer Anti-Kopftuch-Demonstrationen – so auch dieser. Wenn es aus der Sicht der wohl marxististisch-radikalfeministisch orientierten Organisatorinnen, die teilweise auch Protagonistinnen der zweiten Dokumentation waren („Kopftuch ist wie Hakenkreuz!“ (sic!)), auch logisch erscheinen mag, die unerträgliche Unterdrückung von Frauen im Iran (sowie anderen islamischen und islamistischen Regimen) und die bundesdeutsche Debatte um die Güterabwägung bzgl. Artikel 1-4 des Grundgesetzes in einen Topf zu werfen – „Patriarchat!“ – so ist diese allein durch die feministische Schlachtrufterminologie – „Macht“ und „Unterdrückung“ – bestimmte Sichtweise für alle Nichteingeweihten nicht nur befremdlich sondern schlicht nicht nachvollziehbar.

Und so war es denn auch nicht verwunderlich, daß sich – im Anschluß an ein kurzes, von einer völlig überforderten Redakteurin des SWR-Landestudios geführtes Interview mit Frau Schwarzer – eine verbale Schlammschlacht entwickelte, die den Begriff Diskussion eigentlich nicht mehr verdient – und das nicht zuletzt durch Zutun Frau Schwarzers, die sich in ihrer Wortwahl – für mich überraschend – oft sehr aggressiv zeigte. Jemand wie sie, der einen politisch korrekten Markt auf dem Argument subtiler Machtstrukturen der Sprache entwickeln konnte, der – auch in der Diskussion – immer wieder betont, wie sehr es ihr immer um die Aufhebung des Mythos biologischer Andersartigkeit ginge, und der unablässig vor den Folgen herablassenden Verhaltens warnt, sollte nicht gleichzeitig Frauen, die einen Tschador tragen, als „Stoffberge“ bezeichnen, die „keine Menschen mehr seien.“ „Sarkasmus!, das erkenne doch jeder“, behauptet sie als ich sie darauf anspreche. Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht.

Meine kopftuchtragende Nachbarin jedenfalls konnte Frau Schwarzers Humor nicht teilen und verließ die Veranstaltung noch vor dem Dauerfeuer aus allen Richtungen – ihr sollten im Laufe des Abends fast alle der zu Beginn anwesenden Kopftuchträgerinnen folgen. Leider muß ich hinzufügen, daß sich Frau Schwarzers Aussagen inhaltlich in ihrer Rigidität, trotz der im Kontext ihrer Bemerkungen geradezu widersprüchlich anmutenden Einlassung, daß man weder Ideologien noch Religionen wortwörtlich nehmen dürfe, wenig von dem unterschieden, was ich nach einiger Lektüre befürchtet hatte. Argumentativer und stilistischer Eklektizismus kann allerdings über die logischen und faktischen Schwächen ihrer aus dem Jahrhundert der soziologischen Feldversuche hinüber geretteten Grundposition nicht mehr hinwegretten. Sie bedient daher einen kleinen, aber offenbar gefestigten ideologischen Markt mit Zeitschriften und Büchern. Letztere zu verkaufen war ihr sowohl vor als auch im Anschluß an die öffentliche Diskussion meiner Einschätzung nach wichtiger als die Klärung „vermeintlicher“ Mißverständnisse. Nicht daß ich das unethisch finde – vielleicht ein wenig unehrlich – aber man muß es eben wissen.

Eine Diskussion im eigentlichen Sinne fand nach Frau Schwarzers – durchaus hervorragend erzählten – Anekdoten aus dem Iran, ca. 1979, nicht statt. Da niemand wirklich den Versuch unternahm das Thema auch nur ein wenig zu präzisieren, begann ein Stellungskrieg in dem bereits angerissenen thematischen Gemischtwarenladen – Unterdrückung von diesem und jenem, dieser und jener, Entwicklungshilfe, Iran, Terrorismus, Außenpolitik, Innenpolitik, Kopftuch in der Schule, für Lehrer, für Schüler/Innen, in Ämtern („wollen Sie, daß ich meinen Job verliere?“), Frau Hirsi Ali und Theo van Gogh, Extremistenerlaß. In den Gräben der eine Seite Frau Schwarzer (Das Kopftuch ist Symbol für die Unterdrückung der Frau!), einige der iranischen ExilantInnen (genau: Faschismus und Kapitalismus und das Kopftuch sind das gleiche!) und die Beckstein-Fraktion, in denen der anderen Seite einige radikalere, aber zumeist weniger radikale Muslima (Die ist doch nicht anders als die Mullahs!) und eine Handvoll kompromißorientierter Bildungsbürger, die den Wesensgehalt von Artikel 4 um des Wesensgehalts der anderen Artikel des Grundgesetzes verteidigen wollten (Voltaire!).

Mein Versuch, das Thema Haare explizit anzusprechen, und die Frage des Hijab mit den Bekleidungsregeln des orthodoxen Judentums zu vergleichen – in dem verheiratete Frauen aus vergleichbaren religiösen Motiven Perücken tragen, wenn sie aus dem Haus gehen – half auch nicht. Die Frage, ob wir denn anders reagieren würden, wenn die deutschen Muslima anfingen, Perücken zu tragen (wie einige es in der Türkei schon tun), beantwortete Frau Schwarzer überaus schlagkräftig mit „das ist doch nicht politisch.“

Natürlich kann das Kopftuch Ausdruck einer demokratiefeindlichen Haltung sein, Zeichen der Unterstützung von Organisationen, die die freiheitliche Grundordnung der westlichen Welt nicht akzeptieren wollen, so wie manche Menschen RAF T-Shirts tragen oder sich die Haare rasieren, um ihrer undemokratischen Grundhaltung alltäglichen Ausdruck zu verleihen. Aber genauso wie sich heute in weiten Kreisen herumgesprochen hat, daß es linke, rechte, politische und unpolitische Skins gibt, und absichtliche Frisuramputation allein kein ausreichender Indikator für eine demokratiefeindliche Haltung geschweige denn demokratiefeindliches Verhalten ist, zeigt auch ein Kopftuch nicht an, was sich im Kopf darunter tut und – allein das kann für uns handlungswirksam sein – sich daraus ergibt.

Der Unterschied zu den Perücken des orthodoxen Judentums besteht – neben der ästhetischen Komponente und der geringen Anzahl orthodoxer Juden in Deutschland – meines Erachtens vor allem darin, daß „wir“ (im Westen) im Judentum eine Freiwilligkeit der Handlung unterstellen, die „wir“ (im Westen) in Bezug auf den Islam a priori verneinen. Das erscheint mir vor allem als Ausfluß der Wahrnehmung der Ursprungskulturen von moslemischen Immigranten und des Fehlens einer weitreichenden Säkularisierungsbewegung im Islam. Trotz aller Bedeutung, die ich der islamischen „Diaspora“ für die dogmatische Entwicklung des Islam zumesse, ich glaube nicht, daß ein Kopftuchverbot als Instrument sinnvoll ist – weder in der deutschen, noch in der französischen Variante. Wo das Familienrecht nicht in der Lage ist, psychische und physische Gewalt gegen junge Muslima zu verhindern, sollte es entsprechend angepaßt werden – und sollten vor allem Ressourcen zur Durchsetzung eingesetzt werden. Wo Personenkontrollen unvermeidbar sind, müssen sie auch an Personen mit Niquab oder Burka vorgenommen werden. Aber eine weitere Eskalation auf Grundrechtsebene sollte um der Freiheit und des Dialogs willen vermieden werden.

Denn die zum Teil überwältigenden Emotionen und aggressiven Anfeindungen der jeweiligen Gegenseite, die ich im Rahmen der recht haarigen Veranstaltung erleben konnte, sind zum Glück noch nicht Teil der deutschen Feuilletondiskussion zu diesem Thema. Aber – und das ist meine wichtigste Erkenntnis dieses Abends – sie müssen schnell in eine um Verständigung bemühte Debatte überführt werden. Deutschland hat keine Pillarisation hinter sich wie z.B. die Niederlande. Aber die Gefahr einer deutlichen Radikalisierung der Debatte ist auch hier gegeben.

Daß die Gallionsfigur des deutschen Feminismus in dieser für die persönliche Entfaltung von Frauen so entscheidenden Frage inhaltlich anscheinend nichts anderes zu bieten hat als eine mit zum Teil neuer Koalition aufgewärmte „PorNo!“-Kampagne, das finde ich schade und gefährlich. Denn Frau Schwarzer wird in dieser gesellschaftlichen Debatte ob ihrer vergangenen Verdienste eine Rolle spielen – und leider, wie ich meine, keine gute.

Als Beispiel für ihre problematische Rolle sei erwähnt, daß der zweite Film eine der anwesenden iranischen Künstlerinnen – diejenige, die erklärte, Kopftücher seien wie das Hakenkreuz – bei einer interessanten Performance zeigte, die sie auf einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 1999 darbot. Sie zog sich vor den auf dem Podium versammelten iranischen Intellektuellen (die wiederum, so wird berichtet, allein für ihre Beteiligung an der Konferenz bei ihrer Rückkehr in den Iran verhaftet wurden) provozierend langsam bis auf ihre Unterwäsche aus, zog dann ein Kopftuch an, und verließ schließlich langsam unter tobendem Protest das Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Während ich der Meinung war, daß es sich zwar um eine politisch fragwürdige, aber künstlerisch doch nicht uninteressante Aktion handelte, kritisierte Frau Schwarzer – ich traute meinen Ohren nicht – vor allem, daß sie sich ausgezogen habe… da sich Frauen schließlich viel zu oft auszögen.

Wie heißt es so schön? Wenn man nur einen Hammer hat, erscheinen alle Probleme als Nägel. Und Frau Schwarzers ideologischer und intellektueller Werkzeugkasten scheint leider nicht besonders reichhaltig bestückt zu sein.

(kleinere Korrekturen am 13.03.2012 und 04.07.2014, Bildquelle: „Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1“ by Itu – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1.jpg#mediaviewer/File:Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1.jpg)