Harvey Weinstein - By David Shankbone [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], from Wikimedia Commons
dating and gender, philosophy, Politik, post-modernism, Science, sex

Harvey Weinstein, Recht, postmoderne Realitätsforschung und Intersektionalismus.

Anscheinend steht der #metoo-Prozess gegen Harvey Weinstein vor der Einstellung.

Das ist einerseits überraschend, weil die Darstellung der Fälle in der Berichterstattung eigentlich keine Zweifel zuließ. Anderersits muß das positive Recht und seine Mechanismen der Objektifizierung von subjektiven Tatbeständen immer Striche ziehen, die wohl nie der Wahrnehmung einzelner Beteiligter entsprechen können.

Die FAZ schreibt

„Auf Antrag der Staatsanwaltschaft hatte das Gericht schon einige Tage zuvor einen der sechs Anklagepunkte fallenlassen. Die Ankläger erreichte eine schriftliche Stellungnahme der früheren Nachwuchsschauspielerin Lucia Evans. Darin beschrieb Evans den Oralsex mit Weinstein in dessen Büro im New Yorker Viertel Tribeca als einvernehmlich. Die Darstellerin soll sich von der sexuellen Begegnung vor 14 Jahren eine Filmrolle in einem Horrorfilm oder einer Romantikkomödie erhofft haben. Das Problem? In einem Interview mit dem „New Yorker“ vor einem Jahr hatte Evans anstelle des sexuellen Entgegenkommens einen Übergriff durch Weinstein geschildert. „Er zwang mich, Oralsex an ihm vorzunehmen. Ich sagte immer wieder, dass ich nicht wollte und er aufhören sollte“, erinnerte sich Evans damals.“

Interessanterweise ist die Begründung für das sukzessive Verschwinden von Anklagepunkten eben genau der Tausch von Sex gegen Rollen, der eben entweder Ausdruck von Missbrauch oder von Freiwilligkeit sein kann, je nachdem, wie man die Handlungsfähigkeit der Beteiligten für das Tauschgeschäft beurteilt.

Während in diesem Zusammenhang die bekannte australische Feministin Germaine Greer von „Freiwilligkeit“ der Schauspielerinnen beim Tausch sprach, was ihr einen Sturm der Entrüstung einbrachte, wird der die #metoo-Bewegung tragende, intersektionale, auf „Machtverhältnisse“ fixierte, momentan dominante Feminismus schon die Möglichkeit der Instrumentalisierung von Sexualität als Tauschgegenstand notwendig einen Ausdruck von Unfreiwilligkeit und Machtmissbrauch sehen.

Dieser Feminismus hat nämlich ein logisches Problem mit der theoretischen Konstruktion der Handlungsfähigkeit von Frauen, bzw. der Etablierung von Kontingenzen, in denen Frauen Handlungsfähigkeit zugesprochen wird, in einem aus seiner Sicht „männlichen“ System. Katherine MacKinnons quasi-marxistische Rechtsphilosophie steht hier Pate – gerade das Rechtssystem ist ihr zufolge eben nicht unparteiisch, sondern „männlich“ geprägt, weswegen Frauen in diesem System grds. nicht in der Lage sein können, freiwillig zu handeln. Ihre diesbezüglich logisch konsequente Position hat ihr oft Kritik eingebracht, weil sie so konsequenterweise auch *jede*, auch aus Sicht von Frauen eigentlich freiwillige, sexuelle Interaktion mit Männern als „vergewaltigungsähnlich“ bezeichnen musste.

Und letztlich geht es doch bei #metoo um genau diese Frage: auf Basis welcher Annahmen über das „allgemeine machtpolitische Klassenverhältnis“ von angenommenen Frauen und Männern kann man, muss man, welche handlungsbezogenen Ansprüche an das Verhalten von Frauen und Männern im Umgang miteinander stellen?

Die Frage ist tatsächlich höchst relevant, und die zu erwartende weltweite Empörung, sollte der Fall Weinstein tatsächlich nicht rechtlich zu fassen sein, sollte sie ins Zentrum der Debatte stellen. Aber sie eben ist mit dem theoretischen Rüstzeug des diese Diskussion aktuell dominierenden Intersektionalismus schlicht nicht zu beantworten. Und vielleicht wäre die Beantwortung auch gar nicht gewollt, weil sie zu viele Weltbilder, bei zu vielen Beteiligten auf allen Seiten, ernsthaft in Frage stellen würde.

Im November findet in der Akademie der Wissenschaften Mainz eine – allgemeiner gefasste – Diskussion über diese Frage statt, an der unter anderem die Verfassungsrichterin Susanne Baer teilnimmt, die bei Katherine MacKinnon studiert hat. Ich bin gespannt, was ihre Antwort auf das Dilemma ist.

https://www.facebook.com/events/2218743294866859/

Vielleicht ist der Termin ja noch für andere interessant.

Crossposted, ggf. Kommentare vorhanden: https://www.facebook.com/tobias.schwarz/posts/10158163458184062

Bildquelle / Image source: By David Shankbone [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], from Wikimedia Commons

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Taken by Apollo 8 crewmember Bill Anders on December 24, 1968, at mission time 075:49:07 [1] (16:40 UTC), source: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise.jpg
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Neue Männer im Mond.

Leider schafft es Justus Benders in der FAZ erschienene Artikel zum Thema Männerbild der AfD nicht, zu den fundamentalen Fragen vorzustoßen, die sich in der Thematik verbergen.

Vor einigen Jahren schrieb der Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek einen kurzen Text namens „Provokation“, in dem er auch auf das Thema des hier verlinkten FAZ-Artikels Bezug nahm, die Frage von Männlichkeit, bzw. ihre wohl dekadenzgeschwächte Seinskraft. Dort heißt es unter anderem –

„[S]elbst die jungen Hartz-IV Empfänger schimpfen sitzend, bei Laune gehalten durch ein warmes Wohnzimmer, Nachschub an Fraß und Flüssigem, eine Spielkonsole, Fernseher, DVD-Gerät, und der Möglichkeit, dank der Pille folgenlos die Restenergie über der Freundin zu entladen“

***

Etwa zur gleichen Zeit schrieb der Philosoph Michael Groneberg ebenfalls über Männlichkeit und ihre zivilisatorische Zwangslage –

„Das «Droben», der Himmel wird zum Weltall, der Geist säkular und Gottes Tod wird verkündet. Mit zunehmender Gleichstellung erschließt sich anderseits auch der Mann den Bereich des Häuslichen und die Frau, mobil werdend, das «Draussen» und das «Droben», z.B. in feministischer Theologie, auch wenn die katholische Kirche weitgehend an den antiken Diskriminierungen festhält.

Die allmähliche Auflösung der topologischen Differenz, so die letzte These, ist Effekt eines Umschlags der räumlichen Situation der Menschheit, real und im Bewusstsein: Die Menschheit hat ihre räumlichen Grenzen erreicht.

Es braucht keine Conquistadoren mehr, die aussegeln oder Cowboy- Helden, die nach Westen reiten, auf der Suche nach neuen Schätzen oder einer besseren Welt. Der Pazifik war Endstation für des westlichen Menschen Sehnsucht und Expansionsdrang und er baute sich Hollywood genau an diesem Ort. …

Die Menschheit hat insofern auf sich reflektiert, doch real, nicht nur im Geiste. Sie ist auf sich zurückgeworfen durch die Grenzen der Erde, ohne Ventil. Es gibt kein erreichbares Draussen mehr. Gesellschaften funktionieren womöglich nie mehr wie bisher, weil es keine Ausflucht mehr gibt.

Die Limitation und Erschlossenheit der Welt in Realität und Geist sowie die Säkularisierung des Geistes wirkt auf die Geschlechtertopologie zurück. Ohne Transzendenz, ohne ein Draussen, in das das phallische Alphatier erobernd vorstossen könnte, ist alles zum Drinnen geworden, zu ihrem Reich: Die Erde ist nicht mehr zu unterwerfen, sie ist unsere Behausung und als solche Domäne des häuslichen Beta.

Die Verteilung der Aufgaben, die dem Mann die schizoide Rolle zudachte, der kontrollierte Raging Bull zu sein, wurde obsolet. Immanenz des Geistes und Geschlossenheit der Welt erklären nicht nur die wachsende Macht der Frauen, sondern auch das Ende der vektoriellen Männlichkeit.

Der Mann wird sich langfristig in eine Existenz einfinden müssen, die nicht mehr auf der Trennung des Drinnen und des Draussen beruht, wo Gewalt und Aggression von ihm erwartet werden, die er manchmal austoben darf, aber im Prinzip beherrschen können muss, vor allem zu Hause.

Das Kastrationsparadigma wirkt zwar noch fort, auch aufgrund der positiven Besetzung der Wildheit, doch erweist es sich wie das topologische Geschlechtermodell als Kulturprodukt, das unzeitgemäss und daher besser der Erinnerung zu übergeben ist.“

***

Implizit ist beiden Ansätzen die kulturelle Konstruktion von Männlichkeit, auch wenn beide das explizit verneinen würden. Und da steckt auch die Krux der Argumentation: die eine Argumentation fordert die Schaffung von realen und metaphorischen Grenzen, die dann wieder überschritten werden können. Die dem Mann sein Sein zurückgeben können. Die andere fordert eine Veränderung des Seins, die sich der angenommenen neuen Realität anpasst.

Nur sind beide so ignorant und letztlich sexistisch in ihrer Argumentation, daß sie die wesentliche Unbekannte in ihren Argumenten nicht mal sehen: die Frage, welches männliche Sein bestehen oder sich entwickeln wird, ist doch nicht nur eine Frage schwerer männlicher Gedanken über das Droben und Draußen. Sondern auch bestimmt davon, welche Männlichkeit Frauen als attraktiv empfinden und sexuell und emotional „belohnen“ werden.

Und diese Frage scheint mir nur schwer eindeutig zu beantworten – auch wenn die Kulturgeschichte – oder „das Patriarchat“ selbst hier durchaus als ein nicht unbedeutendes Argument gelten könnte.

Was aber – spätestens nach der Wahl Trumps – klar ist: die Frage nach Männlichkeit, die der intellektuelle „Mainstream“ in den letzten Jahrzehnten als albern abgetan hat, ist jetzt notwendig zu einem Kernbestandteil der Diskussion geworden. Und ein großer Teil dieser Diskussion um die „neue Rechte“ ist eine Gender-Debatte, auch wenn sich nicht wenige, die sie führen, mit Händen und Füßen gegen diese Bezeichnung wehren würden.

[Crossposted auf facebook. / Bildquelle: NASA / Apollo 8 / Bill Anders on December 24, 1968 ]

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battleofthesexes, dating and gender, media, post-modernism, sex

Das Unbehagen der Unsichtbaren.

Stefan Niggemeier hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen guten Artikel über die merkwürdige aktuelle Debatte über Tolernz oder Akzeptanz von Homosexualität geschrieben, die sich an der letztwöchigen Maischberger Talkshow zum Thema „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die ‚moralische Umerziehung‘?“ bzw. der Petition zum Thema in Baden-Würrtemberg entzündete, aber er schneidet das zentrale Wahrnehmungsproblem, das aus meiner Sicht vor allem der Grund für diese Debatte ist, leider nur kurz an:

„Es geht um einen elementaren Teil seiner Identität, um Aspekte seines Lebens, die bei Heterosexuellen völlig selbstverständlich Teil des öffentlichen Lebens sind.“

Ich glaube genau diese Selbstverständlichkeit ist der Ursprung des Problems, weil sie – bei allen Vorteilen – eben auch zu einer Unsichtbarkeit von normhaften Verhalten führt, das deswegen auch nicht wirklich diskursiv thematisiert wird, nicht als Teil der Debatte wahrgenommen wird. Was dann vermutlich fast zwangsläufig das Gefühl entstehen läßt: wir reden immer nur über 5%. Weil ja nur dieser Teil des gesamtem Spielfelds explizit und medial beleuchtet wird.

Ich glaube nicht, daß die meisten der Gegner von „Sichtbarkeit“ diese tatsächlich, wie Niggemeier das formuliert, „als einen Angriff auf ihr gottgegebenes Recht, Homosexuelle und deren Liebe weiter als unnormal und defizitär abzuwerten.“

Ich glaube eher, daß es sich dabei um ein sehr menschliches und narzisstisches Phänomen in einer medial geprägten Realität handelt. Ein Unbehagen, das sich weniger aus der Aufwertung einer anderen Identität speist, sondern aus der wahrgenommen Unsichtbarkeit der eigenen Identität. Ich glaube, es ist für die meisten Menschen zu viel Abstraktion, heterosexuelles Händchenhalten als Teil einer gesellschaftlichen Diskussion über sexuelle Identität zu begreifen.

Daher weiß ich auch nicht, ob sich dieses Wahrnehmungsproblem wirklich lösen läßt, denn die Unsichtbarkeit ist ja ein Wesensmerkmal jeder Norm.

Schwierig.

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Tragikomisch. Bittersüß. Zielgruppen­gerecht.

Eine offensichtlich ernst gemeinte Kontaktanzeige an einem Schwarzen Brett, die zumindest die Aufmerksamkeit meiner Kamera auf sich zog.

Soviele Fragen diese Anzeige auch aufwerfen mag, eines scheint mir recht sicher: Sollte sich wider Erwarten doch eine Frau auf diese Anzeige hin melden, dann wird sie wohl entweder wirklich „böse“ sein, oder aber „eine ganz Liebe“ mit einem mehr als verständnisvollen Humor. Dar Inserent mag sich vielleicht über seine Präferenzen nicht ganz im Klaren sein, aber er hat, so scheint mir, mit Text und Gesamtanmutung seiner Anzeige, ob nun zufällig intuitiv oder ganz bewußt, den richtigen Ton für jede der angesprochenen Zielgruppen gefunden.

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Stuck somewhere in the middle. Growing up these days.

The German weekly „Die Zeit“ this week provides a survey of the consequences of disappearing traditional family structures and socially predetermined gender roles for today’s youngsters.

According to the article, socio-athropologists and behavioral biologists alike now claim that kids these days are in dire need for authority and some sort of biographical structure. The price of freedom, of entirely open biographies, is apparently not a modest one – as rising suicidal attempts and a new autodestructive habits (German: „ritzen“) among both young boys and girls seem to indicate.

Now it is all too obvious that going back is not an option, and even the staunchest conservatives will agree on this point, at least in private. Even apart from the most obvious justifications from an economic and philosphical perspective, modern societies do need social variety as evolutionary organisational „market“.

But kids apparently need some sort of clear-cut answers about life and their position in society to grow up. Growing up does, of course, entail to question these previous certainties – but if there are none, no questions remain to be asked, no walls to be torn down.

But if going back is not an option – where are modern societies headed for? The one thing I think becomes obvious from reading accounts like the one cited above is that we are in need of a new social equilibrium – some sort of „steady-state-equilibrium“. One that is open and stable at the same time.

Don’t ask me for sketches as I don’t have any. But should that turn out to actually be an oxymoron, I fear we will have to witness more and more socially dysfunctional kids, grown ups and then parents – with a resulting negative feedback slope – until both people and society will have evolved in a way that can bridge the rising gap between our genetic and cultural endowments.

Now you might reply to this that no older generation in history has ever been able to understand their younger one and that the above article is simply an example of the classic generation-gap, reframed in modern scientific language by publication-hungry scientists.

That is quite possible. But I don’t think so.

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