By Rob Kall from Bucks County, PA, USA - #womensmarch2018 Philly Philadelphia #MeToo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66321810
battleofthesexes, philosophy

Jens Jessen in der Zeit über die epistemische Leere des Feminismus und den „bedrohten Mann“

In einem Wort: Wow.

Ich zumindest hätte nicht geglaubt angesichts der offenbaren Unmöglichkeit des Argumentierens gegen die epistemische Leere (und den offen geforderten „moralischen Totalitarismus“, so ehrlich immerhin war Margarete Stokowski zuletzt bei Spiegel Online) des populistischen Netzfeminismus einen solchen Artikel auf der Titelseite der DIE ZEIT zu finden.

Der Autor Jens Jessen glaubt zwar nicht, daß es noch möglich sein könnte, sich der totalitären Newspeak zu erwehren – während viele andere darin nichts sehen werden als einen Beweis für die andauernde Notwendigkeit radikalen Widerstands.

Aber ein bißchen Anfang kann es vielleicht schon sein. Ein Anfang für eine wirkliche Debatte über Frauen, Männer und alle dazwischen und darum. Über Gleichwertigkeit, über Unterschiede, über Begehren, sein Entstehen, seine persönlichen, psychologischen und sozialen Konsequenzen. Eine Debatte, die sich nicht schon a priori alle Antworten gegeben hat, bevor sie auch nur anfängt, Fragen zu stellen. Eine Debatte, in der sich ausnahmslos *alle* ehrlich machen. Die fehlt nämlich bisher. Fast komplett.

Und vielleicht wird sie auch möglich durch das Selbst-Eingeständnis der Schwäche, das dem Artikel zugrunde liegt: Die Probleme des Männlichen können nicht (mehr) mit dem Argument seiner Normativität unter den Tisch gekehrt werden. Und so bekommen nun auch Männer ein diskursives Geschlecht: „The Man“ wird nun einfach zum Mann. Auch diese Entzauberung könnte einen Dialog auf Augenhöhe ermöglichen.

An der Problematik gruppenbasierter Subjektivität und auf ihr basierter epistemischer Privilegien kommen wir natürlich auch so nicht herum. Hier stehen wir schlicht vor der Frage, die wir uns auch individuell immer wieder stellen müssen: kann ich einen anderen Menschen je wirklich verstehen? Und was bedeutet es für unser Verständnis des Wesens unserer Welt, wenn wir uns am Ende eingestehen müssten: nein, das geht nicht.

Wenn wir dann nicht mehr mit-, sondern nurmehr nebeneinander leben könnten.

Das wäre, da hat Jens Jessen vollkommen recht, auch die Konsequenz des modernen Matrix-Feminismus, auch wenn es wohl das Letzte wäre, was seine Vertreter_*innen wollen würden. Nur stoßen eben auch sie – unbewußt – offenbar ständig an den äußeren Rand dessen, was sie wissen können. Wie schreibt Jessen am Ende –

„So geht es auch heute nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, sondern um den ideologischen Triumph des totalitären Feminismus. Das ist, um es zart zu sagen, ein bisschen traurig. Und es wird uns auf dem Weg zu Gleichberechtigung, Gleichbezahlung und sexueller Selbstbestimmung, den Frauen und Männer gemeinsam gehen müssen, sicher nicht voranbringen.“

Auf eine bessere Diskussion für alle. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Crossposted auf: https://www.facebook.com/tobias.schwarz/posts/10157539479889062

Bildquelle/image source: By Rob Kall from Bucks County, PA, USA – #womensmarch2018 Philly Philadelphia #MeToo, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66321810

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By Auguste Rodin - Photography at the Soumaya Museum, taken by ProtoplasmaKid, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35132234
philosophy, Political Theory

On the „Backfire Effect“

tl;dr – how do you convince people of your worldview when „facts“ based on yours only tend to reinforce their own? Are you open-minded enough to accept challenges to your own worldview?

I’ve been thinking more and more recently about something psychologists call the „Backfire Effect.“ Both with respect to recent elections, and with respect to – mostly – online discussions. The Backfire Effect is the empirically noted tendency of a lot of people to hold on to their previously stated positions even firmer once these positions have been „factually“ disproven by someone else.

Now, it’s important to say that people doing this – most people, apparently, potentially, if only at times, I would hope, including myself – probably aren’t opposing the principle that reason, or facts, should prevail.

They are, however, likely asserting that reason, or fact, is not always an absolute term, but relational one. One that fundamentally depends on axioms – the foundational assumptions about the nature of the world, about logic, and anthropology, that are assumed to be true and thus need no further explanation.

Unfortunately, outside of the realm of the likes of gravity, particularly with respect to all questions regarding human organisation, or „human nature“, there’s not many axioms that are universally shared. Which means that there aren’t as many facts as their are people trying to convince others that their thought process is wrong.

And that’s what makes the idea of „factually disproving“ someone so problematic, and ultimately, backfiring. It’s not simply factual errors that cause people to close up and rally behind their axioms, thus conveniently allowing them to disregard the information presented as a „fact“ – based on a different axiomatic structure – as untrue.

It’s not facts that threaten deliberation, it’s disagreements about how we can derive facts. And given the increasing heterogeneity of social structures, axiomatic structures are more and more political – which, to a degree implies the forceful establishment of official axioms, thereby giving them a clear-cut advantage over others. Sadly, I doubt that it is commonly understood despite its fundamental importance for social organisation.

So, tl;dr, here’s my questions for you to ponder over the weekend: how do convince someone that their worldview is wrong. Do you think you are open-minded enough to accept challenges to yours?

image source: Photography at the Soumaya Museum, taken by ProtoplasmaKid, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35132234

originally posted at: https://www.facebook.com/tobias.schwarz/posts/10156879206454062

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Taken by Apollo 8 crewmember Bill Anders on December 24, 1968, at mission time 075:49:07 [1] (16:40 UTC), source: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise.jpg
compulsory reading, dating and gender, deutsche Politik, German Politics, philosophy, Political Theory, politics, Politik, post-modernism, sex

Neue Männer im Mond.

Leider schafft es Justus Benders in der FAZ erschienene Artikel zum Thema Männerbild der AfD nicht, zu den fundamentalen Fragen vorzustoßen, die sich in der Thematik verbergen.

Vor einigen Jahren schrieb der Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek einen kurzen Text namens „Provokation“, in dem er auch auf das Thema des hier verlinkten FAZ-Artikels Bezug nahm, die Frage von Männlichkeit, bzw. ihre wohl dekadenzgeschwächte Seinskraft. Dort heißt es unter anderem –

„[S]elbst die jungen Hartz-IV Empfänger schimpfen sitzend, bei Laune gehalten durch ein warmes Wohnzimmer, Nachschub an Fraß und Flüssigem, eine Spielkonsole, Fernseher, DVD-Gerät, und der Möglichkeit, dank der Pille folgenlos die Restenergie über der Freundin zu entladen“

***

Etwa zur gleichen Zeit schrieb der Philosoph Michael Groneberg ebenfalls über Männlichkeit und ihre zivilisatorische Zwangslage –

„Das «Droben», der Himmel wird zum Weltall, der Geist säkular und Gottes Tod wird verkündet. Mit zunehmender Gleichstellung erschließt sich anderseits auch der Mann den Bereich des Häuslichen und die Frau, mobil werdend, das «Draussen» und das «Droben», z.B. in feministischer Theologie, auch wenn die katholische Kirche weitgehend an den antiken Diskriminierungen festhält.

Die allmähliche Auflösung der topologischen Differenz, so die letzte These, ist Effekt eines Umschlags der räumlichen Situation der Menschheit, real und im Bewusstsein: Die Menschheit hat ihre räumlichen Grenzen erreicht.

Es braucht keine Conquistadoren mehr, die aussegeln oder Cowboy- Helden, die nach Westen reiten, auf der Suche nach neuen Schätzen oder einer besseren Welt. Der Pazifik war Endstation für des westlichen Menschen Sehnsucht und Expansionsdrang und er baute sich Hollywood genau an diesem Ort. …

Die Menschheit hat insofern auf sich reflektiert, doch real, nicht nur im Geiste. Sie ist auf sich zurückgeworfen durch die Grenzen der Erde, ohne Ventil. Es gibt kein erreichbares Draussen mehr. Gesellschaften funktionieren womöglich nie mehr wie bisher, weil es keine Ausflucht mehr gibt.

Die Limitation und Erschlossenheit der Welt in Realität und Geist sowie die Säkularisierung des Geistes wirkt auf die Geschlechtertopologie zurück. Ohne Transzendenz, ohne ein Draussen, in das das phallische Alphatier erobernd vorstossen könnte, ist alles zum Drinnen geworden, zu ihrem Reich: Die Erde ist nicht mehr zu unterwerfen, sie ist unsere Behausung und als solche Domäne des häuslichen Beta.

Die Verteilung der Aufgaben, die dem Mann die schizoide Rolle zudachte, der kontrollierte Raging Bull zu sein, wurde obsolet. Immanenz des Geistes und Geschlossenheit der Welt erklären nicht nur die wachsende Macht der Frauen, sondern auch das Ende der vektoriellen Männlichkeit.

Der Mann wird sich langfristig in eine Existenz einfinden müssen, die nicht mehr auf der Trennung des Drinnen und des Draussen beruht, wo Gewalt und Aggression von ihm erwartet werden, die er manchmal austoben darf, aber im Prinzip beherrschen können muss, vor allem zu Hause.

Das Kastrationsparadigma wirkt zwar noch fort, auch aufgrund der positiven Besetzung der Wildheit, doch erweist es sich wie das topologische Geschlechtermodell als Kulturprodukt, das unzeitgemäss und daher besser der Erinnerung zu übergeben ist.“

***

Implizit ist beiden Ansätzen die kulturelle Konstruktion von Männlichkeit, auch wenn beide das explizit verneinen würden. Und da steckt auch die Krux der Argumentation: die eine Argumentation fordert die Schaffung von realen und metaphorischen Grenzen, die dann wieder überschritten werden können. Die dem Mann sein Sein zurückgeben können. Die andere fordert eine Veränderung des Seins, die sich der angenommenen neuen Realität anpasst.

Nur sind beide so ignorant und letztlich sexistisch in ihrer Argumentation, daß sie die wesentliche Unbekannte in ihren Argumenten nicht mal sehen: die Frage, welches männliche Sein bestehen oder sich entwickeln wird, ist doch nicht nur eine Frage schwerer männlicher Gedanken über das Droben und Draußen. Sondern auch bestimmt davon, welche Männlichkeit Frauen als attraktiv empfinden und sexuell und emotional „belohnen“ werden.

Und diese Frage scheint mir nur schwer eindeutig zu beantworten – auch wenn die Kulturgeschichte – oder „das Patriarchat“ selbst hier durchaus als ein nicht unbedeutendes Argument gelten könnte.

Was aber – spätestens nach der Wahl Trumps – klar ist: die Frage nach Männlichkeit, die der intellektuelle „Mainstream“ in den letzten Jahrzehnten als albern abgetan hat, ist jetzt notwendig zu einem Kernbestandteil der Diskussion geworden. Und ein großer Teil dieser Diskussion um die „neue Rechte“ ist eine Gender-Debatte, auch wenn sich nicht wenige, die sie führen, mit Händen und Füßen gegen diese Bezeichnung wehren würden.

[Crossposted auf facebook. / Bildquelle: NASA / Apollo 8 / Bill Anders on December 24, 1968 ]

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"PEGIDA DRESDEN DEMO 12 Jan 2015 115724078" by Kalispera Dell - http://www.panoramio.com/photo/115724078. Licensed under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:PEGIDA_DRESDEN_DEMO_12_Jan_2015_115724078.jpg#mediaviewer/File:PEGIDA_DRESDEN_DEMO_12_Jan_2015_115724078.jpg
facebook link, philosophy

Of Popper and Pegida. Open societies and anthropological imperatives.

It’s funny. Back at the LSE, where Popper taught and where I lived in an apartment named after him, when I wondered about the anthropological appropriateness of human coordination, I concentrated mostly on the problems arising from human interest seeking with guile given bounded human rationality. I never even wondered what else could challenge an open society.

Now, looking at the recent electoral successes of the populist right in some European countries, the new confused protests against „the system“ like Pegida in Dresden, and – as in the case of the young woman of the Polish nationalists portrayed in the Guardian’s video below – the intense desire of *inherent belonging*, I’m wondering more and more about the anthropological appropriateness of the more and more abstract societies that we live in – that our way of life technologically requires. Dissociation. What a philsophical chameleon. How can we combine these two layers in a way that takes both abstract universalism and the desire for inherent belonging seriously? Particularly when it’s a year without a Football Championship?

It’s a truly imperfect analogy, but somehow this reminds me of the way the Israeli sociologist Eva Illouz considers BDSM/50 Shades of Grey as a self-help movement trying to come to terms with the immensely conflicting modern individual meta narratives of autonomy and love. Ourselves dissociating from ourselves, in a way. Of course, putting this conflict on a stage doesn’t reconcile it – autonomy necessarily wins the real world. That’s how we rationally want it, even though we can’t seem to handle it.

So, in a way, the real question for us, in this dilemma, becomes: Knowing that, how can we let ourselves believe we still believe in love? And, in turn: Can we find a way to not feel dissociated in an abstract society, knowing that we are, and that we choose to be?

Are we able of believing that conscious lie? Maybe. After all, isn’t lying to ourselves how the existentialists got over the most fundamental dissociation? We *must imagine* Sisyphus happy, don’t we?

https://embed.theguardian.com/embed/video/world/video/2015/jan/19/pretty-radical-young-woman-poland-far-right-video

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Image source: „PEGIDA DRESDEN DEMO 12 Jan 2015 115724078“ by Kalispera Dell – http://www.panoramio.com/photo/115724078. Licensed under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons.

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