German Politics, Germany, politics

Verblendet.

Der Spiegel titelt: „Die Lüge ist ministrabel geworden“. Das ist natürlich Blödsinn. Manche Lügen oder Auslassungen waren schon immer ministrabel, andere nicht.

Aber die Sache mit Karl-Theodor Frhr. von und zu Guttenbergs an der Universität Bayreuth verfassten und zunächst mit „summa cum laude“ bewerteten Doktorarbeit „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ (Wikipedia) ist schon irgendwie anders gelagert, und zwar vor allem wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er und sein so langsam verzweifelndes politisches Lager, insbesondere seine so gequälte Partei CSU, über die Sache hinweg gehen: Der Verteidigungsminister verzichtet auf den Titel und gut ist. Das ist eine seiner Popularität geschuldete Herangehensweise, die zumindest für eine Wisssenschaftlerin wie Kanzlerin Angela Merkel mehr als merkwürdig erscheint. Aber noch problematischer erscheint ein wesentlicher Grund für die Unterstützung der Kanzlerin: die Haltung von – Umfragen zufolge – offenbar so ca. zwei Dritteln aller Deutschen, die davon ausgehen, daß „wir alle ein bißchen Karl-Theodor sind“.

Klar, wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein, und eine gewisse öffentliche Zurückhaltung bei der moralischen (Vor-)Verurteilung ist sicher auch eine Qualität im politischen Diskurs. Was wiederum die Frage aufwirft: Welche Lügen genau sollen denn jetzt ministrabel geworden sein?

Ich vermute, die Antwort darauf sagt am Ende mehr über die deutsche Politk und damit die zeitgenössische deutsche Kultur und ihren Willen zur Selbsttäuschung insgesamt aus, als über Karl-Theodor.

Der Dr. ist weg. Die Diskussion fängt erst an.

 

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compulsory reading, media

Marcel Reich-Ranicki is pretty cool, indeed.

There was a time, when one of Germany’s most interesting tv shows was one about books. The show was called „The Literary Quartet“ („Das literarische Quartett“) and its impressario was Marcel Reich-Ranicki, allegedly the most important contemporary critic of German literature (wikipedia entry in English).

Yesterday, he attended the the German television awards („Deutscher Fernsehpreis“), where he was supposed to be honored for his livetime achievements. But then, on stage, he refused to accept the award because of (my translation) all the bollocks we have seen here today.“

The apparently shocked presenter, Thomas Gottschalk, offered Reich-Ranicki a programme in which he could talk to the heads of German broadcasters about the quality of their programmes, which seemed to placate the laureate and apparently led him to later accept the price out of politeness.

Stefan Niggemeier, a media journalist, has more about this (in German) and notices that Reich-Ranicki probably had a point that goes beyond the quality of television programmes – MRR will Fernsehquatschpreis nicht.

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advertisement, Re-Publica 2008

Re:Publica – Geldverdienen mit Blogs

Geld mag nicht stinken, aber Geldverdienen hat in Deutschland durchaus ein gewisses Geschmäckle. Vor allem natürlich da, wo die ideale von offener, freier gesellschaftlicher Kommunikation mit denen von bezahlter zusammentreffen. Die Debatte hat viele Schichten, keine Frage, und beileibe nicht jede Form des Geldverdienens ist moralisch zustimmungsfähog; aber es befremdet mich immer wieder, wie jede – nicht bei Robert Basic geführte – Diskussion über die kommerzielle Verwertung von Blogs bzw. deren Inhalten zu einem philosophischen Seminar wird. Vielleicht hatte Wolf Lepenies doch unrecht, als er vom Ende von „German Culture“ sprach – der deutsche Idealismus in gedanklicher Überspitzung (mind to matter) scheint mir in der deutschen Blogosphäre doch noch recht weit verbreitet.

Im Fall dieser Podiumsdiskussion wurde das Thema am Kommunikationsverhalten des noch jungen von Bloggern aus dem Umfeld von Spreeblick.de gegründeten Blogwerbenetzwerks „adical“ abgearbeitet. Dabei ging die entscheidende Information fast unter: Die von Adical vermarkteten Blogs hatten in den letzten drei Quartalen 2007 ein Werbevolumen von 250.000 Euro. Die Verteilung der Summe dürfte sicher sehr ungleich sein, aber auch das erscheint weniger bedeutend ob der Tatsache, daß, laut Auskunft des Adical-Vertreters Sascha Lobo, Mediaagenturen TKP-Preise im mittleren zweistelligen Bereich für Bloginhalte als nicht unangemessen bewerten, auch wenn die Zielgruppenmetriken bei Blogs bei weitem (noch) nicht so präzise sind wie bei anderen Onlinevermarktern und das Management von Kampagnen – selbst mit einem Aggregator zur Reduktion von Transaktionskosten – in einem tendenziell immer distribuierten Medium notwendig komplizierter ist als bei anderen Medien.

Das, finde ich, sollte für die Zukunft von Blogwerbung in Deutschland deutlich positiv stimmen.

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"Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1" by Itu - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1.jpg#mediaviewer/File:Kachelmann-Urteil-Alice-Schwarzer1.jpg
battleofthesexes, compulsory reading

Haarig nicht nur unter den Achseln. Alice Schwarzer diskutiert nicht gerne.

Viel böses Blut floß aufgrund von Alice Schwarzers Entscheidung, für die Bild-Zeitung Werbung zu machen – mit dem Slogan „Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.“ Nachdem Alice Schwarzer ja ohnehin glaubt, „Die Antwort“ zu kennen, war es für den Springer Verlag sicher ein Leichtes, ihr mit dem Slogan so sehr zu schmeicheln, daß ihr schwarz vor Augen wurde.

Daß jemand, der unerschütterlich glaubt, die Wahrheit zu kennen, lieber verkündet denn diskutiert, ist zwar theoretisch durchaus einleuchtend, aber praktisch mitunter eher verstörend – wie Stefan Niggemeier angesichts des von kritischen Kommentaren gereinigten Gästebuches auf Alice Schwarzers Webseite erfahren mußte. Neu ist daran allerdings gar nichts. Nutzte sie Diskussion und Provokation vor langer Zeit gerne und so oft wie möglich, scheint Alice Schwarzers Unwille sich auf kritische Diskussionen einzulassen in dem Maße zugenommen zu haben, in dem eine Vielzahl ihrer Ansichten zur bundesrepublikanischen Mehrheitsposition wurden.

Zum Geburtstag von Alice Schwarzers Zeitschrift „Emma“ habe ich Anfang des Jahres einen bis dahin unveröffentlichten Bericht über meine Begegnung mit der Frontfrau des deutschen Feminismus veröffentlicht. Es ist ein Bericht über eine Begegnung, die mir schon vor einiger Zeit – Anfang 2004 – klar machte, was Stefan Niggemeier offenbar erst angesichts der Reinigung der Schwarzerschen Webseite aufgefallen ist: Alice Schwarzer diskutiert nicht gerne!

Aber fangen wir am Anfang an…

Die von einer Künstlergruppe iranischer Exilantinnen organisierte Diskussion im Mainzer Landesmuseum stand unter dem Titel „Kopftuch als System – machen Haare verrückt“. Dank der Zusage von Alice Schwarzer zog die kaum beworbene Veranstaltung ein überaus buntes bundesdeutsches Publikum an, bestehend aus mehr oder weniger aggressiven iranischen Exilanten, fanatischen und weniger fanatischen Trägerinnen verschiedenster Kopftuchvarianten, jeder Menge „geifernder Emmas“ (herzerwärmend, an mich gerichtet: „Was machen Sie eigentlich als einzelner Mann hier?“, „Für Männer gibt’s hier nichts!“), konservativen und konservativeren Leitkulturpropagandisten auf Koalitionssuche, einigen liberalen Bildungsbürgern, und einer Handvoll Journalisten und Kriegsberichterstattern wie mir.

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